Ilmenau

St. Josef

Anschrift Kirche
Unterpörlitzer Straße 15
98693 Ilmenau

Gottes Zelt im Thüringer Wald

Als Flüchtlinge waren Mose und das Volk Israel 40 Jahre in der Wüste unterwegs. Zweimal 40 Jahre dauerte es, bis die katholischen Christen in Ilmenau eine Kirche errichten konnten. Und das Haus, das sie bauten, war ein Zelt. Die durchgehend klamme Gemeindekasse und später die restriktive atheistische DDR-Regierung ließen keinen Kirchenbau zu. Erst die in D-Mark (West) finanzierten Sonderbauprogramme machten es ab den 1970er Jahren möglich, auch in denjenigen Dörfern und Kleinstädten der devisenhungrigen DDR Kirchen und Gottesdiensträume zu errichten, in denen die Gemeinden dies lange vergeblich versucht hatten. In Ilmenau glückte es so, mitten in der Diaspora das biblische Bild vom Zelt Gottes in eine zeitgemäße Architektur zu übersetzen. Die dabei vorherrschenden Materialien Holz und Schiefer fügen sich gut in die traditionelle heimische Bauweise der Menschen im Tal an der Ilm ein, in deren Mitte Gott wohnen will.

  • Überblick
    Ort
    Ilmenau

    Bistum
    Bistum Erfurt

    Name der Kirche
    St. Josef

    Weihe
    1983 (6. November)

    Architekt
    Wolfgang Lukassek
    Besonderheit
    Zelt-Konstruktion mit deutlichem Bezug zu den regionalen Traditionen und Baustoffen des Thüringer Walds.

    Nutzung
    Pfarrkirche in der Verbund-Kirchengemeinde St. Elisabeth Arnstadt

    Standort / Städtebau
    Etwa 400 m nördlich des Ilmenauer Stadtzentrums auf dem hinteren Teil eines an einer Hauptstraße gelegenen Grundstücks.

  • Beschreibung

    Grundriss

    Ilmenau | St. Josef | Grundriss

    Ilmenau | St. Josef | Grundriss

    St. Josef ist ein Zentralbau über sechseckigem Grundriss. Im eingeschossigen Anbau an der Nordostseite, der die Kirche mit dem alten Missionshaus von 1901 verbindet, sind die Sakristei sowie weitere Funktions- und Nebenräume untergebracht. Der Altar befindet sich im Nordwesten und wurde, in der Achse des Hauptbinders der Dachkonstruktion, dem Eingang direkt gegenüber angeordnet.

     

     

     

     

     

     

    Außenbau

    Ilmenau | St. Josef | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Ilmenau | St. Josef | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Beim Außenbau kamen die für die Region des Thüringer Waldes charakteristischen Materialien Holz, Schiefer und verputztes Mauerwerk zum Einsatz. Holzbinder, die auf sechs Betonfundamenten aufliegen, „spannen“ ein hohes Zeltdach auf, das die Gebäudekubatur bestimmt. Diese Dachkonstruktion über niedrigen Außenmauern besteht aus einem flacheren und einem steileren Teil. Ersterer kennzeichnet den Eingangsbereich, letzterer die Rückseite des Gebäudes (Nordfassade). An der Schnittstelle der flacheren mit der steileren Konstruktion ist eine mehrteilige Verglasung (als Oberlicht) angebracht. Seinen Abschluss findet das Dach in einem deutlich sichtbaren Kreuz.

     

    Innenraum

    Ilmenau | St. Josef | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Ilmenau | St. Josef | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Die Architektur der Kirche ist stark auf die Wirkung des Innenraums ausgerichtet. Vom Eingang führt der Weg direkt auf den Altar zu. Um diesen sind die Kirchenbänke mit etwa 170 Sitzplätzen in einem Halbkreis angeordnet. Der vieleckige Grundriss wird gestalterisch auf den Altarbereich hin konzentriert, der somit den zentralen Blickpunkt in der Kirche bildet. Baulich ist er nur durch zwei Stufen vom Raum der Gemeinde getrennt. Alle Holzbinder der Dachkonstruktion sind unmittelbar über dem Altar zusammengeführt und bilden ein Oberlicht, das dem Altarraum einen besonderen Akzent verleiht.

  • Liturgie und Raum
    Ilmenau | St. Josef | Altarraum | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Ilmenau | St. Josef | Altarraum | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Die Ilmenauer Kirche in Form eines Zelts erinnert grundsätzlich an das Zelt als Symbol des wandernden Gottesvolkes – Christi Gemeinde auf dem Weg zu Gott. Das Fundament vor dem Hauptportal trägt den Hauptbinder. Es wird durch die Reliefdarstellungen eines Christusmonogramms (☧) und zweier Szenen aus dem Alten Testament auch künstlerisch betont und weist auf Christus als den Grund- und Eckstein der Kirche hin. Von diesem wichtigen Konstruktionselement ausgehend, markiert der Hauptbinder des Zeltdachs die Achse, in der Altar und Altarkreuz verortet sind.

    Im Eingangsbereich finden sich der Beichtraum und eine kleine Taufkapelle. Letztere verfügt über ein – in Blautönen gefasstes – Betonglasfenster zum Thema „Wasser“. Diese Gestaltung dient zur Erinnerung an die Taufe, die liturgische und sakramentale Bedeutung des Wassers.

  • Ausstattung

    Das Kreuz aus Email über dem Altar misst in Höhe und Breite jeweils 1,80 m. Sein goldenleuchtender Korpus kennzeichnet Christus als Auferstandenen. In blauen Farbtönen sind auf dem Kreuz die Sieben Werke der Barmherzigkeit dargestellt: Hungernde speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, sich um Gefangene sorgen, Tote bestatten.

    Der Altar wurde von Werner Nickel (geb. 1935) aus bulgarischem Kalkstein (Vratza) geschaffen. Auf der Vorderseite ist eine Platte mit einer Aussparung für die Reliquie (Sepulcrum) sichtbar. Dort hat man bei der Kirchweihe Reliquien des Hl. Sebastian beigesetzt. Ambo und Altarleuchter wurden vom Metallgestalter Hans Reiche (geb. 1948) aus Gospiteroda bei Gotha aus Stahl geschmiedet.

    Die Tabernakelstele – als Feuersäule gestaltet – ist Zeichen der Gegenwart Gottes. Das Bild erinnert an das Volk Israel, das Gott aus der Gefangenschaft befreite: „Der Herr zog vor ihnen her, bei Tag in einer Wolkensäule, um ihnen den Weg zu zeigen, bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten.“ (Exodus 13,21). Der Tabernakel und die Stele wurden wie das Kreuz von Dora (geb. 1926) und Hubert Kleemann (geb. 1925) gestaltet – aus Email und Keramik geschmolzen und gebrannt im Feuer.

    Ilmenau | St. Josef | Detail der Glasgestaltung in der Taufkapelle | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Ilmenau | St. Josef | Detail der Glasgestaltung in der Taufkapelle | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Alle Betonglasfenster der Kirche fertigte die Werkstatt Lehmann in Berlin-Weißensee nach Entwürfen von Christoph Grüger (1926-2014).

    Aus der alten Kapelle im Erdgeschoss des Pfarrhauses übernahm man die Orgel sowie die Figuren des Kirchenpatrons St. Josef und der Madonna. Die Madonna wurde um 1960 geschaffen von Rudolf Brückner-Fuhlrott (1908-1984), einem der bedeutendsten religiösen Maler und Bildhauer in der DDR.

  • Von der Idee zum Bau

    Auf dem Grundstück der Kirchengemeinde wurde 1901 das „St.-Josef-Missionshaus“ errichtet. Ein geplanter Kirchenbau konnte aber durch politische Schwierigkeiten und fehlende finanzielle Mittel wiederholt nicht verwirklicht werden.

    Ilmenau | St. Josef | Baustelle | Foto: Wolfgang Lukassek, Erfurt

    Anfang der 1980er Jahre war die jahrzehntelang genutzte Hauskapelle für die Gemeindegröße schon lange nicht mehr ausreichend. Durch die Devisenbeschaffungsmaßnahmen der DDR-Regierung gab es mit den sogenannten Sonderbauprogrammen seit den 1970er Jahren endlich einen offiziellen Weg für Geld- und Materialsendungen aus dem Westen in den Ostteil Deutschlands. Der Kirchenbau von Ilmenau wurde in ein solches staatliches Bauprogramm aufgenommen und über die Ostberliner Außenhandelsunternehmen „Limex“ und „Intrac“ abgewickelt. Die DDR erhielt D-Mark (West) aus der Bundesrepublik. Sie finanzierte und organisierte damit, zum äußerst lukrativen Wechselkurs von 1:1, Bauplanungen und kirchliche Räume – durch Material und Dienstleistungen der DDR-Baubetriebe.

    In Ilmenau erfolgte die Bauausführung durch den VEB (Volkseigenen Betrieb) Bau Ilmenau und den VEB BMK Erfurt. Da in der DDR Baumaschinen aber teilweise nur unzureichend vorhanden waren, wurden beim Bau der Josefskirche zusätzlich geschickt westdeutsche Ressourcen genutzt: Für den Transport der langen Leimholzbinder konnte eine Firma aus der Bundesrepublik gewonnen werden, die auf der Heimfahrt einen Umweg über Ilmenau und die dortige Kirchbaustelle machte. Die Zelt-Konstruktion aus brettschichtverleimten Holzbindern, die mit Ringkeildübeln verbunden sind, wurde an Ort und Stelle aufgestellt.

    Als Architekt zeichnete Wolfgang Lukassek verantwortlich. Mitarbeiter waren Alfred Görstner und Ingo Bretfeld. Am 6. November 1983 wurde die St. Josefskirche geweiht.

  • Der Architekt Wolfgang Lukassek

    Wolfgang Lukassek, geb. 1939 in Brieg/Schlesien, wuchs im thüringischen Eichsfeld auf und schloss nach der Schule zunächst eine Maurerausbildung in Erfurt ab. Anschließend arbeitete er als Putzer und studierte dann ab 1959 an der Erfurter Ingenieurschule. Danach war er bei den Domwerkstätten in Erfurt tätig.

    In den 1960er Jahren wurde es den Pfarrgemeinden staatlicherseits fast unmöglich gemacht, dringend notwendige Baumaßnahmen durchführen zu lassen. Der Erfurter Weihbischof Joseph Freusberg setzte sich deshalb für den Aufbau einer kircheneigenen Bauabteilung ein, die die nötigsten Arbeiten vom Entwurf bis zur Fertigstellung zentral organisierte. Wolfgang Lukassek war im somit neu entstandenen kirchlichen Baubüro in Erfurt für eine Vielzahl von Umbauarbeiten und Umgestaltungen verantwortlich. Nicht alles dringend Notwendige konnte zu dieser Zeit jedoch auch verwirklicht werden.

    Wichtige neue finanzielle Perspektiven ergaben sich mit den staatlichen Sonderbauprogrammen, so konnten ab Ende der 1970er Jahre nach Lukasseks Konzepten insgesamt drei neue kirchliche Gemeindezentren in Thüringen entstehen: in Ilmenau, in Schlotheim und in der sozialistischen Stadterweiterung des Eichsfelddorfs Leinefelde. Nach 1989/90 wurde der kirchliche Baubetrieb in ein Bischöfliches Bauamt umstrukturiert, das Wolfgang Lukassek bis 2004 leitete. Von 1996 bis 2006 war er Mitglied der Arbeitsgruppe für kirchliche Architektur und sakrale Kunst (AKASK) der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz.

  • Literatur (Auswahl)
    • Verena Schädler: Katholischer Sakralbau in der SBZ und in der DDR, Regensburg 2013, 40, 42, 56, 94-97, 306.

     

    Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt.

Text: Dr. Verena Schädler, Weißenburg (Beitrag online seit 09/2015)

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