Immendingen-Hattingen

St. Johannes und Jakobus

Anschrift Kirche
Am Witthoh
78194 Immendingen-Hattingen
  • Informationen
    Kontakt / Öffnungszeiten Kirche Zur Webseite
    Bitte in der Erzabtei Beuron erfragen.
    Anschrift Pfarramt Erzabtei St. Martin zu Beuron
    Abteistraße 2
    88631 Beuron
    07466 / 17-0
    E-Mail
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    Kirchen im Südwesten

Sehnsucht und Besinnung

Der Blick schweift von hier über die Weiten des Hegaus bis hinunter zum Bodensee und weiter zur Gebirgskette der Alpen. Mehr als 800 m über dem Meeresspiegel befindet sich der Höhenzug „Witthoh“. Dort erhebt sich seit einigen Jahren die kleine Kapelle St. Johannes und Jakobus inmitten landwirtschaftlich genutzter Wiesen und Felder. Von privat errichtet, ist sie für Sammlung, Andacht und Stille dem vorbeiziehenden Wanderer zugänglich oder für kleine Feldgottesdienste nutzbar. Ihr Bauherr, einst Vorstandsvorsitzender des Medizintechnik-Unternehmens Aesculap AG im nahen Tuttlingen, hat den Ort oberhalb des knapp 1000 Seelen zählenden Dorfes Hattingen im südlichen Baden-Württemberg aufgrund seiner eindrucksvollen Aussicht gewählt.

  • Überblick
    Ort
    Immendingen-Hattingen

    Bistum
    Erzbistum Freiburg

    Name der Kirche
    St. Johannes und Jakobus

    Weihe
    2003 (13. September)

    Architekt
    Günter Hermann

    Künstler
    Roland Martin
    Besonderheit
    Der Kapellenbau besticht durch seine eindrückliche Lage und Aussicht. Seine asketisch-komplexe Form lässt ein einprägsames Zusammenspiel zwischen Architektur, Landschaft und offener, aber doch eindeutiger Spiritualität entstehen.

    Nutzung
    Privat errichtete Kapelle für öffentliche Nutzung zu individueller Andacht und Einkehr wie für kleinere Gruppen. Seit 2005 im Eigentum des Vereins der Freunde der Erzabtei St. Martin zu Beuron e.V. Zugehörig zur Pfarrei St. Theopont und Synesius, Hattingen, in der Seelsorgeeinheit St. Sebastian Immendingen-Möhringen.

    Standort / Städtebau
    Die Kapelle liegt am Südwesthang des bis zu 862 m hoch aufsteigenden Witthoh, einem viel besuchten Höhenzug der Hegaualb, nordöstlich oberhalb des badischen Dorfes Hattingen. Sie findet sich inmitten von Wiesen und Feldern nahe einem gern begangenen Wanderweg.

  • Beschreibung

    Grundriss

    Immendingen | Kapelle St. Johannes und Jakobus | Grundriss

    Immendingen | Kapelle St. Johannes und Jakobus | Grundriss

    Der in den Außenmaßen insgesamt nur 6,50 m auf 4,10 m messende Bau zeigt sich nach Süden hin orientiert. Sein Grundriss ist wesentlich aus einem langgestreckten, schmalen Rechteck entwickelt, das die Sockelplatte des Bauwerks einschließlich einem südlich vorgelagerten Außenpodium umfasst. Überbaut ist nur ihr nördlicher Teil, der gleichsam ein Rechteck in kleinerem Format umschließt. Jedoch ist die östliche Wand leicht nach Westen hin abgewinkelt, womit sich für den eigentlichen Kapellenraum eine trapezförmige Grundstruktur ergibt. An die Nordwestecke lagerte man den von Süden her zu erschließenden Eingangsbereich an.

     

    Außenbau

    Immendingen | Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Beuroner Kunstverlag

    Immendingen | Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Beuroner Kunstverlag

    Von außen zeigt der in Beton errichtete Kapellenbau eine schlichte, geradlinige und strenge Formensprache. Durchgängig sind die Außenwände mit weißem Juramarmor aus dem Donauraum verkleidet, so dass ein monolithischer Eindruck entsteht. Der wesentlich kubisch entwickelte Baukörper ragt vierfach geschichtet aus dem abfallenden Grundstück heraus. Zuunterst schiebt sich ein längsrechteckiger, massiver Sockel gen Süden aus dem Hang in die Landschaft vor. An seiner vorderen Kante steht mittig ein Metallkreuz. Nach Norden hin erhebt sich aus dem Sockel der in der Höhe dreifach gestaffelte, in sich vor- und zurückspringende Kapellenbau. Weitreichend geschlossene Mauerflächen sind von wenigen kleineren und größeren Fensterelementen durchbrochen. Ein Glasschlitz in der Rückwand des flachgedeckten Gebäudes ermöglicht es Besuchern, von außen durch den Kapellenraum hindurch auf Landschaft und vorangestelltes Kreuz zu blicken. Zugänglich ist der Bau durch einen seitlichen Eingang, der über eine westlich der Sockelzone angegliederte Rampe erreicht wird. Hier taucht der Besucher hinter einer stirnseitig um den Baukörper herumgeführten Mauerschürze in einen nach oben offenen Vorbereich ein.

     

    Innenraum

    Immendingen | Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen

    Immendingen | Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen

    Nach Durchschreiten der schmalen, hohen Eingangszone trifft der Besucher beim Eintritt durch die massive, bronzebeschlagene Tür zunächst auf eine direkt vor ihm aufragende Wand. Um weiter in das Innere zu gelangen, ist eine zweimalige Wende um 90 Grad notwendig, ehe sich der schmale, hohe Innenraum nach Süden hin öffnet. Etwa 6,50 m tief, 4,10 m breit und gut 5 m hoch erscheint dieser hell und licht – und mit diversen Versprüngen, Durchbrüchen, Luken und Nischen strukturell komplex entwickelt. Die Möblierung des perspektivisch nach Süden gelenkten Innenraums konzentriert sich auf eine – aus der Mittelachse genommene – Stele und eine einfache Sitzbank. Der sich hier öffnende, weite Ausblick bezieht das außen aufragende Kreuz und auch die Landschaft prägend in die Architektur mit ein. Die Belichtung des hell verputzten Kapellenraums erfolgt zudem durch ein Oberlicht und verschiedentlich angeordnete, kleine Öffnungen. Je nach Sonnenstand ergibt sich daraus ein variierendes Lichtspiel auf Wänden und Boden.

  • Liturgie und Raum
    Immendingen I Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Beuroner Kunstverlag

    Immendingen I Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Beuroner Kunstverlag

    Der kleine Kapellenbau dient in erster Linie der individuellen privaten Andacht. Raumprägend ist der Blick an der Stele vorbei, über das bewusst außerhalb errichtete Kreuz hinweg in die Ferne. Der Ausblick kann als schöpfungstheologisches Bild und Zeichen interpretiert werden.
    Um das auf der vorgelagerten, podiumartig entwickelten und das Gefälle des Hangs abfangenden Plattform aufgestellte Kreuz können im Außenbereich Gottesdienste und Andachten abgehalten werden.

  • Ausstattung
    Immendingen I Kapelle St. Johannes und Jakobus | Kruzifix

    Immendingen I Kapelle St. Johannes und Jakobus | Kruzifix

    Minimalistisch wie der gesamte Bau ist auch der Innenraum der kleinen Kapelle eingerichtet. So umfasst dieser wesentlich eine massive hölzerne Sitzbank und eine steinerne Stele. Diese, mit den Maßen 40 x 40 x 90 cm, ist aus demselben Kalkstein wie die Außenverkleidung gefertigt. Eine aufgeschlagene Bibel liegt hier bereit. Kreuz und Korpus im Inneren der Kapelle stammen von dem Tuttlinger Bildhauer Roland Martin. Darüber hinaus fanden – namensgebend für den Bau – in einer Nische über dem Panoramafenster zwei je rund einen Meter hohe Heiligenfiguren Johannes und Jakobus Aufstellung. Diese schuf um 1856 der Rottweiler Künstler Johann Pfeffer, wohl ursprünglich für eine Ölberg-Gruppe, im Stil der Gotik. Zur weiteren Einrichtung zählen ein metallener Standleuchter und sieben hoch oben an der Ostwand installierte Wandleuchter. Außerhalb der Kapelle fand mittig an der Vorderkante des nach Süden vorgelagerten Podestes ein schlichtes Metallkreuz Aufstellung, das sich dem Besucher der Kapelle bewusst in die Aussicht aus dem Panoramafenster schiebt.

  • Von der Idee zum Bau
    Immendingen I Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen/ Beuroner Kunstverlag

    Immendingen I Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen/ Beuroner Kunstverlag

    Der Bauherr der Kapelle, Prof. Michael Ungethüm aus dem nahen Tuttlingen, ließ diese anlässlich seines sechzigsten Geburtstags am Witthoh, dem Sehnsuchtsberg der Tuttlinger und einem seiner Lieblingsplätze zum Nachdenken, errichten. Tiefes Anliegen war ihm, von Herkunft evangelisch, der Region und allen Besuchenden mit der Kapelle einen Ort der Ruhe, Besinnung und Konzentration auf das Wesentliche zu schenken. Vorhanden waren bereits ein altes Feldkreuz und eine Bank. Nach erfolgter behördliche Genehmigung für das Vorhaben beauftragte er für die weitere Planung und Umsetzung den Architekten Günter Hermann, mit dem ihn bereits mehrere Bauprojekte verbanden. Bei der Gestaltung der Kapelle ließ er ihm freie Hand. Im Mai 2003 begannen die Bauarbeiten und am 13. September des Jahres wurde die Kapelle durch Erzabt Theodor Hogg OSB, Beuron, benediziert. Seit 2005 steht sie im Eigentum des Vereins der Freunde der Erzabtei St. Martin zu Beuron e. V. Sie erhielt Auszeichnungen vom Bund Deutscher Architekten, vom Landesverband Baden-Württemberg und von der Architektenkammer Baden-Württemberg.

  • Der Architekt
    Immendingen I Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen/ Beuroner Kunstverlag

    Immendingen I Kapelle St. Johannes und Jakobus | Foto: Wolf-Dieter Gericke, Waiblingen/ Beuroner Kunstverlag

    Dipl.-Ing. Architekt Günter Hermann wurde 1940 in Tuttlingen geboren. Der Ausbildung zum Elektriker folgten Abitur sowie Studium an der Fachhochschule Konstanz und Universität Stuttgart. Nach Mitarbeit bzw. Freier Mitarbeit in Stuttgarter Büros 1977 ebenda Bürogründung Haas Hermann Schwarz. Seit 1982 existiert das Büro Günter Hermann Architekten in Stuttgart, ab 1985 mit Dependance in Tuttlingen und von 1999-2009 auch in Berlin. 1980-1995 war Günter Hermann zudem als Lehrbeauftragter an der FH Konstanz und der Universität Stuttgart tätig. Auftraggeber seines Büros sind öffentliche wie private Bauherren. Das Leistungsspektrum reicht von kommunaler Projektentwicklung über Wohnhäuser bis zu Verwaltungs-, Akademie- und Produktionsgebäuden. Neben zahlreichen Sanierungs- und Neubauaufträgen in und um Tuttlingen gehören etwa auch der Um- und Erweiterungsbau der Deutschen Bundesbank in Berlin, das Zeiss Forum in Oberkochen oder das Kinderhaus der Kirchengemeinde St. Hedwig in Stuttgart-Möhringen zu den Projekten. Mehrfach erhielten Büro und Architekt Auszeichnungen. Der Bau am Witthoh war das erste Kapellenbauprojekt für den von der Neuen Stuttgarter Schule geprägten Baumeister, der auch für die aktuell im Bau befindliche Moschee in Tuttlingen die Entwürfe lieferte.

  • Literatur (Auswahl)
    • Matthias Koschar, Richard Grotz: Chronik – Charakter – Charme einer Kapelle. St. Johannes und Jakobus am Witthoh, Beuron 2015.
    • Rolf Dieterich: Kapellen am Wegesrand: St. Johannes und Jakobus am Witthoh bei Hattingen, in: Schwäbische Zeitung vom 2. September 2017 (Abruf: 03.05.2019).
    • Internetpräsenz des Architekturbüros Günter Hermann: www.gharchitekten.de.

     

    Wir danken allen Bildgebern für ihre freundliche Unterstützung: Die Bildnachweise werden jeweils am Bild selbst geführt.

Text: Dr. Matthias Ludwig, Schweinfurt Beitrag online seit 05/2019)

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